Interaktionen mit Kommunen und Netzwerken

IIn fast allen untersuchten Beispielen gab es Unterstützung in Form eines erklärten Willens der Stadt, für die jeweilige Baugemeinschaft ein Baugrundstück zur Verfügung zu stellen. Wie diese Unterstützung sich dann konkret auswirkte, zeigte sich auf unterschiedliche Weise. In Mannheim, Chemnitz, München und Bremen gab es konkrete Zusagen von städtischer Seite, den Gruppen ein Grundstück zur Verfügung stellen zu wollen. Oft waren es jedoch Grundstücke, die zuvor an einen Investor verkauft werden sollten, dieser Plan aber platzte. Zum Teil spielten die Umstände der Finanzkrise den Gruppen in die Hände, wenn dadurch Grundstücke verfügbar waren.

„Dann kam 2008 die Finanzkrise. Dann konnte keiner mehr investieren. Heute würden wir nie mehr an so einer Stelle so ein Projekt machen können. Der Grund und Boden ist jetzt so teuer.“ (BG5)

Trotz einer oft positiven Einstellungen der Städte gegenüber Baugemeinschaften wird die aktive Rolle der Stadt von den Gruppen nicht immer gleichermaßen eingeschätzt:

„Die Stadt war nicht wichtig. Die war wichtig, dass wir das Vorkaufsrecht bekommen haben. Es gab ein bißchen Kontakt zu den Grünen in Friedrichshain. Inzwischen beraten wir sehr viele andere Häuser in Friedrichshain, die in solche Bredouillen geraten. Jetzt ist das ja gang und gäbe. Bei uns war das noch ein Novum, dass man probiert, eine Öffentlichkeit für diese Häuserverkäufe zu schaffen. Da gab es viele aufmunternde Worte, aber nicht so viel Unterstützung.“ (BG8)

„Die Unterstützung der Stadt, die hat nicht immer geholfen. Wir sind abwechselnd zu der SPD und den Grünen gegangen und haben unsere Ideen vorgestellt. Und haben leider zu gut gemeinte Unterstützung bekommen, weil da vier SPD-Stadträtinnen einen Antrag gestellt haben, dass das MilGeo von militärischer in Sondernutzung kommen soll. Sonderformen Wohnen [im Gewerbegebiet]. In dem Moment, wo das Wort Wohnen auftauchte, sind die Investoren auf die Stadt bzw. auf die Bima los und haben das Dreifache geboten.“ (BG5)

Baugemeinschaften betonen die Wichtigkeit der Städte im Zusammenspiel mit der Förderung von Baugemeinschaften und fordern eine aktive Rolle ein:

„Weil ich das wichtig finde, dass die Stadt dabei sein muss. Und die Stadt muss auch das wollen.“ (BG3)

„Dass bei jedem Neubaugebiet jedes Mal diskutiert werden muss, ob da Baugemeinschaften mit rein sollen oder ob man alles verkauft. Ich finde das echt ein bißchen schäbig. Mit den sozialen Problemen, […] dass da nicht immer in den Blick kommt: Wir brauchen Wohnungen, die günstig sind, und die müssen gebaut werden! Und nicht irgendwo noch weiter am Stadtrand […], sondern überall in der Stadt!“ (BG1)

Städte sind sich nicht immer über eigene Intentionen im Zusammenspiel mit Baugemeinschaften klar, wenn es um die Rolle dieser in der Stadtentwicklung geht. Ein Vertreter einer Kommune berichtete, dass es zwar den Wunsch von städtischer Seite gibt, Baugemeinschaften zu unterstützen. Es muss dabei aber auch klar sein, welche Absichten damit verbunden sind. Kümmert sie sich nicht in thematischer Hinsicht über die Rolle von Baugemeinschaften in der Stadtentwicklung und über die Erwartungen, die damit verbunden sind, kann auch nicht klar formuliert werden, wie Baugemeinschaften die Erwartungen erfüllen sollen und unter welchen Bedingungen sie es umsetzen können. So kann z.B. eine stabile Nachbarschaft vor allen Dingen dann hergestellt werden, wenn es mehrere Baugemeinschaften innerhalb eines Quartiers gibt. „Die Definition ist wichtig, was die Stadt eigentlich will.“

Konzeptausschreibungen können dafür ein Mittel sein, allerdings hat ein Interviewpartner aus den KunstWohnWerken auch Grenzen aufgezeigt, die diese mit sich bringen können, obwohl er die Vorgehensweise insgesamt befürwortet:

„Wir haben in München Konzeptausschreibungen. Nur schreibt jetzt schon einer vom anderen das Konzept ab. Bzw. die Situation ist in München so extrem, dass Leute als Paar in zwei Baugemeinschaften gehen. Und in der einen wird das Konzept entwickelt und die gehen rüber in das neugegründete Projekt und geben das rüber in das zweite Projekt, damit die das auch abgeben können und dann wird wieder nur noch gelost. So weit sind wir inzwischen. Also diese Konzeptausschreibungen gibt es hier und das ist gut.“ (BG5)

„Die Stadt unterhält sich jetzt nur mit uns, und hat diese Ausschreibung [für ein neues Projekt] nur ins Auge gefasst, weil wir existieren, so wie wir sind. Wenn wir nicht einen privaten Investor gehabt hätten, mit dem wir eine Lösung finden konnten, wie man Gewerbe und Wohnen zusammenfasst, dann gäbe es das hier nicht. Dass die Stadt das Schwarz-Weiß-Denken aufhört: Dass Wohnen und Gewerbe auch in Gewerbegebieten möglich wird. Dass sich diese strikte rechtliche Trennung lockert.“ (BG5)

Die Konzeptvergabe kann vor allem dann gelingen, wenn von städtischer Seite z.B. ein größerer Zeitraum eingeräumt wird, der Baugemeinschaften die Möglichkeit lässt, die länger andauernden Prozesse in den Gruppen im Gegensatz zu Abläufen mit Investor*innen auch durchführen zu lassen.

„Und die Stadt muss sagen, wir lassen uns Zeit oder wir reservieren. Und das ist ein Prozess, wie man jetzt gerade gehört hat, es geht da nicht um zwei Monate oder um fünf Monate, sondern um zwei Jahre! Und alles schon vorher angestoßen. Das heißt, die Stadt muss, die müssen eigentlich dazu bereit sein, Jahre zu warten oder auch mal ein Jahr ein Grundstück leerstehen zu lassen.“ (BG3) 

Alle untersuchten Projekte berichten über Wendepunkte in ihrer Geschichte, bei denen sie sich nicht genügend unterstützt gefühlt haben. Als Lösungsmöglichkeiten dafür wünschen sie sich klare Strukturen bei den Stadtverwaltungen, die auf die Bedürfnisse von Baugemeinschaften eingestellt sind. Das beginnt mit Ansprechpartner*innen für Baugemeinschaften, die über Abläufe verständlich informieren können. Das allein reiche jedoch nicht. Baugemeinschaften berichten mehrfach über die Erfahrung, dass Verträge mit Banken oder Notaren nur schwer verständlich sind und wünschen sich „Übersetzungsangebote“ oder Fortbildungsmöglichkeiten für Multiplikator*innen, die ihr Wissen in die Baugemeinschaften weitergeben können (BG4). 

Interaktionen mit Netzwerken

Eine Zusammenarbeit mit Intermediären wird oft positiv beschrieben:

„Die Unterstützung durch das Mietshäuser Syndikat war enorm. Die haben was geschafft, was wir nicht für möglich gehalten hatten. Man braucht eine Prognosenberechnung, man braucht einen Architekten, man braucht ein Gutachten. Und der Architekt kam aus dem Mietshäuser Syndikat, Beratung, mehrere Treffen wirtschaftliche Beratung, herumjonglieren mit Millionenbeträgen – da wurde uns auch durch das Mietshäuser Syndikat geholfen. […] Der Rückhalt und der Mut, den man sich dadurch mit der Zeit anlernt, der kam durch diesen Verband. Und jetzt ist man selber recht motiviert, das auch weiterzugeben. Man gibt da auch schon Wissen weiter. Das hat uns sehr empowert, sonst hätten wir bei der ersten Million schon einen Knick gemacht.“ BG8

„Der Verein „Urbanes Wohnen“, die haben Wohnprojekt-Tage gemacht. Und in dem Umfeld sind 1995 die ersten Wogeno und Wagnis-Projekte entstanden. […] Die haben das Know-How gehabt und haben uns alle Konstrukte erzählt, Rechtsform und Finanzierung z.B. Die haben mit uns Seminare gemacht.“ (BG5)

Die Gruppen nutzen auch private Kontakte und ungewöhnliche Ideen, um Lösungen in Gang zu bringen. Die Brühlpioniere haben, als die Finanzierung über eine Bank platzte, über ein Mitglied aus der Genossenschaft ein Speed-Dating mit dem Titel „Wirtschaft und Kultur“ organisiert, zu dem auch ein Vertreter einer ortsansässigen Bank eingeladen wurde, was am Ende die entscheidende Wendung brachte:

„Dann redeten wir so, und ich erklärte ihm das Projekt, was wir so vorhaben, wie wir das wollen. Und da sagt der: „Na, ich überleg mir das noch mal. Ich ruf Sie nächste Woche an. Geben Sie mir mal die Telefonnummer.“ Schreibe die sich auf irgendeinen Zettel, steckte sich den ein und ich dachte, naja, ja klar, der meldet sich noch mal…Aber tatsächlich, der rief nach einer Woche an! Und sagte: Ich hab das mal überlegt, es muss da einen Weg geben! Wir machen das folgendermaßen: Wir machen mal einen großen Termin. […] Und dann gucken wir mal, ob wir da nicht irgendwie einen Weg finden. Ich seh da jetzt gerade nichts, was wirklich dagegen sprechen sollte, dass wir das nicht machen. Wir wollen ja auch die Stadt beleben!“ (BG2)