Akteur*innen und ihre Motivationen – Gemeinschaft

Der Entscheidung, eine Baugemeinschaft zu gründen, können verschiedene Motivationen zugrunde liegen. Oft sind es sozial und ökologisch fortschrittlich eingestellte Gruppen, die sich entscheiden ein Grundstück zu erwerben und einen Hausbau oder -umbau gemeinsam umzusetzen. Die Zusammensetzung der Gruppen ist bei allen Unterschiedlichkeiten der Einzelnen oft von einer gemeinsamen Idee getragen. Das Interesse in einer Baugemeinschaft zu leben kann bereits vielfältige Ansätze zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung in sich tragen. Etwas gemeinsam aufzubauen und zu beleben, solidarisch miteinander zu sein, Sicherheit beim Wohnen zu erreichen durch günstigen Wohnraum oder durch Mieten, die nicht steigen können, sind von mehreren Interviewpartner*innen geäußerte Aspekte. Eine weiterer Aspekt ist, gemeinsam mehr erreichen und bewegen zu können als der*die Einzelne: Dies kann sich zum Beispiel auf ökologische Aspekte beim Wohnen beziehen. 

Im Folgenden werden die Motivationen ›Gemeinschaft‹, ›Wohnsicherheit‹ und ›Gestaltungsfreiheit‹ der Baugemeinschaften dargestellt, da sie sich als zentral herausgestellt haben. Die angeführten Zitate zeigen z. T. auch eine Verschränkung der drei Thematiken untereinander. Dabei stellt sich heraus, dass die Aspekte oft zusammenhängen oder aufeinander Einfluss nehmen. Die Möglichkeit die eigenen Häuser und das direkte Umfeld zu gestalten wird zum einen in Form konkreter Beispiele in den Interviews erwähnt. Oft schwingt es aber auch als etwas Atmosphärisches mit, dass sich als Ausdruck in den Beschreibungen des gemeinschaftlichen Lebens wiederfinden lässt – ohne dass es genau benannt wird.

Die Hamburger Agentur für Baugemeinschaften betont Änderungen in der Ausrichtung des gemeinschaftlichen Wohnens im Vergleich zu früheren Wohnprojekten und, dass Akteur*innen inzwischen oft pragmatischer als früher vorgehen:

„Früher waren das eher politisch orientierte Gruppen und haben dann wöchentlich stundenlang diskutiert über jede Fliese, die sie einbauen wollen. Das hat sich verändert – gerade Familien, die haben nicht mehr die Zeit, die können nicht mehr so einen endlos langen Prozess machen. Die haben die Idee, sie wollen zusammenwohnen, aber sie können nicht mehr über jede Fliese diskutieren.“ (K1)

Auch wenn politische Gründe nicht mehr stark im Vordergrund stehen, werden sie von Einzelnen als wichtige Gründe für die Entscheidung für eine Baugemeinschaft erwähnt, aber auch eine Offenheit für unterschiedliche Motivationen betont. 

„Also bei fast 40 Leuten, die zusammen planen, sind natürlich alle Facetten mit drin. Das verändert sich mit der Zeit ja auch. Da gab es diverse Motive.“ (BG1)

Gemeinschaft

Die Idee der Gemeinschaft als „gute Nachbarschaft“ findet sich in allen untersuchten Baugemeinschaften. Darüber hinaus zeigen sich Synergieeffekte auf verschiedenen Ebenen: Sozial und ökonomisch beispielsweise durch Aufgabenerfüllung gemeinsamer Eigenleistungen anstelle von der Beauftragung eines externen Dienstleisters (Renovierungs- und Gartenarbeiten) betreffen oder gegenseitige Unterstützung und Hilfe im Alltag. Ein weiterer Aspekt, bei dem das Gemeinschaftliche eine Rolle spielt, kommt auf, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen.

„Ich muss nicht immer allein die Verantwortung übernehmen, sondern habe eine Gruppe, die konstruktiv mitarbeitet. Wir haben verschiedenste Gruppen: AG Hausverwaltung, AG Grün, AG Finanzen, AG Gruppe etc. etc. Und da treffen wir uns und über die Arbeitsgruppen finden wir Ergebnisse, die dann ins große Plenum und dann zur Abstimmung kommen. Das tut mir sehr gut, dass ich dann nicht mehr allein entscheiden muss. Und dann gibt es noch einen ganz einfachen Kernsatz: Nie mehr Langeweile!“ (BG3)

Synergieeffekte können auch ökologische Auswirkungen haben, die direkt umgesetzt werden, z.B. durch gemeinsam genutzte Ressourcen. Dinge gemeinsam zu benutzen oder untereinander zu tauschen, können einen anderen, bewussten Umgang schaffen, da durch die gelebte Nachbarschaft die Schwelle zum gemeinsamen Nutzen von Werkzeugen und Hilfen im Alltag deutlich abgesenkt wird. 

„Uns verbindet von Beginn an der Traum von guter Nachbarschaft und mehr Gemeinschaft, in einem grünen Haus – mitten in der Stadt. […] Wir sind begeistert von der Idee der Baugemeinschaft und möchten mehr teilen als nur unser Wohnhaus – neben Gemeinschaftsflächen und Garten auch Autos, Werkzeuge, (Lasten-)Fahrräder, Bücher und IT-Infrastruktur. Und wir möchten uns gegenseitig unterstützen, z.B. bei der Kinderbetreuung und den kleinen Dingen des Alltags.“ (aus dem Konzept der Wunschnachbarn)

„Also, wo lernt man neue Menschen kennen? Und dann kam die Idee mit dem gemeinschaftlichen Wohnen, mit dem progressiven Wohnen.“ (BG3)

Solche Auswirkungen wirken zunächst eher indirekt, zeigen sich aber als Potenzial eines Empowerments oder einer hohen Selbstorganisation. Es geht dabei um praktische Fähigkeiten:„Ich hab verputzen gelernt und kann jetzt Kabel verlegen.“ (BG8) Sie werden aber auch ganz konkret als Empowerment, das aus der Gruppe heraus entsteht und sogar über diese hinausweisen kann, beschrieben:

„Dass man Fähigkeiten entwickelt, wo man vorher keine Kompetenzen hatte. So ein Spielfeld, wo man Neues entdecken und ausprobieren kann.“ (BG3)

„Wenn ich was machen will, dann gucke ich, ob ich das vorantreiben und übernehmen kann. Das muss mir dann keiner sagen. Ich hab lauter Sachen übernommen, von denen ich vorher keine Ahnung hatte. Und das haben ganz viele gemacht. (BG 5)

„Meine Geschichte mit Kompetenzen: ich komme aus der anarchistischen Szene ursprünglich und bin so ein libertär denkender Mensch und träum’ von einer Gesellschaft ohne Geld. Das ist so meine Utopie. Und hier hantier’ ich halt mit Geld rum. Ich führ über Direktkredite Gespräche mit Leuten, hab Bauverträge unterschrieben über Millionenbeträge! Das war für mich ein bißchen bizarr.“ E: „Ein bißchen ängstlich bist du auch immer noch, oder [lacht]?“ (BG3)

„Wir sind ja alle nicht mehr jung, deswegen hatten wir alle schon diese verschiedenen Stationen gehabt, aber wir haben auch diese gesellschaftlichen und politischen Diskussionen mitbekommen. Immer wieder dieses zwischen Mut und Nicht-Mut. Diese Eigenermächtigung, diese Selbstermächtigung, das ist einfach toll.“ (BG5)

Die Idee der Gemeinschaft wird dabei in der konkreten Umsetzung unterschiedlich gestaltet. In allen Baugemeinschaften gibt es abgetrennte Wohnungen. In Mannheim, Bremen, Chemnitz und in der Seume14 in Berlin gibt es eine Mischung aus Wohngemeinschaften, Single- und Familienwohnungen. Die KunstWohnWerke in München haben das Konzept des gemeinsam wohnen und arbeiten umgesetzt. Aufgrund rechtlicher Vorgaben war es jedoch nicht möglich, dass für alle Ateliers auch Wohnmöglichkeiten geschaffen werden konnten. 

Ansichten über Homogenität oder Heterogenität der Gruppenzusammensetzung, variieren wie zwei Baugemeinschaften ausführen:

„Man kann das schon als relativ homogene Gruppe bezeichnen: heteronormativ, europäische Akademikerfamilien. Es gibt zwei Französinnen, ein Männerpärchen, zwei Singles und ein Pärchen ohne Kinder, so ungefähr. Der Rest sind Familien; die sind zwar nicht austauschbar, aber schon recht ähnlich.“ (BG7)

„Für manche Leute ist hier auch das generationenübergreifende wichtig. Die ersten Bewohner sind grad erst geboren, vorletzte Woche war die letzte Geburt und die ältesten sind 70. Das ist die Altersspanne, das generationenübergreifende. Und dass es Familien gibt, Wohngemeinschaften, Singles. Und die Gemeinschaft und die Vernetzung im Quartier zu den anderen Projekten.“ (BG3)